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05.07.2017 10:25

Finanzmarktliberalisierung in China birgt Gefahr einer neuen Asienkrise

BEIJING (Dow Jones)--China macht mit der vielfach angemahnten Finanzmarktliberalisierung Ernst - notgedrungen. Kürzlich wurden in Schanghai oder Shenzhen gehandelte chinesische Aktien in den MSCI Emerging Markets Index aufgenommen, die wichtigste Messlatte für weltweite Aktienmarkttrends in Schwellenländern. Der Preis war eine deutliche Öffnung der Märkte für internationale Investoren.

Die Machthaber in Beijing erhoffen sich von diesem Ritterschlag mehr Kapitalzuflüsse in eine Volkswirtschaft, die ihre kräftigsten Wachstumsschübe offenbar inzwischen hinter sich hat. Ökonomen warnen jedoch vor möglichen Verwerfungen.

Die Märkte bejubeln China jetzt als ein Reich der Chancen. Investoren dürften mit viel Aufwand jene Aktien herauszupicken versuchen, die vom steigenden Privatkonsum profitieren könnten. Dieser soll dem Land die erhoffte nächste Wachstumswelle bringen. Analysten der US-Investmentbank Goldman Sachs rechnen für die kommenden fünf Jahre mit einem Zufluss von Indexgeldern in Höhe von 210 Mrd USD. "China dürfte zu einem Traum für Freunde selektiver Aktienkäufe werden", meint Portfoliomanager Leon Eidelman von JP Morgan.

Dem Prinzip von Leistung und Gegenleistung folgte schon 2015 die Aufnahme des Landes in den Währungskorb des Internationalen Währungsfonds. Beijing musste damals auf Druck des IWF den Wechselkurs des Yuan zumindest teilweise freigeben.

Auf den ersten Blick mutet die schrittweise Öffnung Chinas für ausländisches Kapital wie eine klassische Win-Win-Situation an. Auf den zweiten Blick sind jedoch auch beträchtliche Risiken zu sehen.

Das optimistische Szenario: Chinas Firmen erhalten aus dem Ausland massiv Gelder, mit denen sie ihre Expansionen finanzieren. Dadurch steigern sie tendenziell ihre Gewinne, die Umsätze sprudeln. Das ermöglicht ihnen, mehr Mitarbeiter zu beschäftigen und sie höher zu entlohnen.

Im Gegenzug nimmt die Kaufkraft der Verbraucher zu und die Unternehmen setzen noch mehr Produkte ab, was ihre Profitabilität abermals steigert. In der Folge könnte die Wirtschaft wieder stärker als zuletzt - 6,7% - wachsen. Vielleicht sind auf absehbare Zeit auch wieder die magischen 7% in Sicht, die Beijing lange Jahre als Zielwert ausgegeben hatte.

Doch warum nur schütteln bei diesem paradiesischen Szenario weltweit Ökonomen mit dem Kopf? Kurz gefasst, weil die Chinesen dieses Wachstum auf Pump finanzieren. Im Prinzip ist das nichts Neues. Dieses Mal allerdings schießt die Auslandsverschuldung in die Höhe, denn Fremd- und Eigenkapital stammen nicht mehr nur aus dem eigenen Land.

Diese Skepsis unter Ökonomen ist relativ neu. Lange Jahre galten frei und ungehemmt operierende Märkte als wünschenswert für Entwicklung und Wohlstand. Die internationale Arbeitsteilung ließe sich auf diese Weise optimieren, argumentierten sie. Die Nationen könnten sich auf jene Branchen konzentrieren, in denen sie über die meisten komparativen Vorteile verfügten.

Die Kapitalmärkte spielten in diesem Selektionsprozess eine wichtige Rolle. Sie sollten die Gelder dorthin lenken, wo sie am effizientesten eingesetzt werden - sprich die höchste Rendite erwirtschaften. Und in einem noch immer rasant wachsenden Schwellenland wie China wirft das Kapital mehr ab als zum Beispiel im notorisch stagnierenden Italien.

Aber die Sache hat einen Haken: China ist eben doch noch ein Schwellenland mit all seiner Anfälligkeit für Spekulationsblasen und Marktzusammenbrüche. Ohne den Aufbau von Schranken könnte Kapital ungehemmt hineinfließen, aber über Nacht wieder abgezogen werden und in der Folge schwere Kursverluste auslösen. Die Asienkrise 1998 ist das Musterbeispiel dafür. Bisher hat Beijing es auf beeindruckende Weise geschafft, solche Störungen zu verhindern. Aber das lag vor allem daran, dass sich das Land gegenüber den internationalen Kapitalmärkten und ihrem schnellen Geld eben noch nicht geöffnet hatte. Deshalb blieb China auch weitgehend von der Asienkrise verschont.

Märkte und Politiker könnten von daher gut beraten sein, wieder mehr auf Ökonomen als auf Finanzauguren zu hören. Selbst der erz-neoliberale Columbia-Professor Jagdish Bhagwati hatte schon vor vielen Jahren auf die "Ideologie des mobilen Kapitals" geschimpft.

Auch Nobelpreisträger Joseph Stiglitz argumentiert in einem Paper vehement gegen eine überhastete Kapitalmarktliberalisierung an. Er vergleicht sie mit einer Situation, in der ein Formel-1-Motor in ein altes Auto eingesetzt wird und weder der Fahrer eingewiesen noch überhaupt die Reifen überprüft werden. Seit Jahren äußert sich auch Harvard-Ökonom Dani Rodrik in ganz ähnlicher Weise.

Bhagwati wies darauf hin, dass im Gegensatz zum Austausch von Gütern und Dienstleistungen freie Kapitalströme die Wohlfahrt nicht erhöhten. Sie steigerten lediglich die Möglichkeit tiefer Krisen. Das lässt sich als Weckruf verstehen, das bei weitem wichtigste Schwellenland bei der Kapitalmarktliberalisierung eher zu bremsen als anzustacheln. Dow Jones

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