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07.05.2019 11:50

China: Das "Recycling-Erdbeben"

Illegale Betriebe und große Müllberge in Südostasien

KAMPUNG JENJAROM (AFP)--Experten sprechen von einem "Erdbeben" auf dem weltweiten Markt für Recyclingkunststoff: Die Entscheidung Chinas, kein gebrauchtes Plastik aus anderen Ländern mehr zu verarbeiten, hat in der global hochvernetzten Branche zu starken Verwerfungen geführt. Die Folgen reichen von Abfallstaus in westlichen Fabriken bis hin zu Müllbergen, die sich neuerdings in kleinen südostasiatischen Städten auftürmen.

"China war der größte Markt für wiederverwertbare Reststoffe", sagt Arnaud Brunet, Chef des in Brüssel ansässigen Branchenverbands The Bureau of International Recycling, der mehr als 750 Unternehmen aus 70 Staaten vertritt. Der Kurswechsel habe einen "größeren Schock" mit weltweiten Auswirkungen ausgelöst. "Es war wie ein Erdbeben."

Viele Jahre lang nahm die Volksrepublik den Großteil des alten Kunststoffs der Welt auf, um ihn in höherwertiges Ausgangsmaterial für neue Produktionszyklen zu verwandeln. Aus Umweltschutzgründen aber schloss die Regierung in Beijing Anfang vergangenen Jahres die Grenzen für das meiste Plastik und andere Recyclingmaterialien. Große Kunststoffmengen finden seitdem ihren Weg nach Südostasien, wohin die Recylingunternehmer massenhaft auswichen. In Malaysia mit seiner großen chinesischsprachigen Minderheit wird dies besonders deutlich. Offiziellen Angaben zufolge verdreifachte sich der Kunststoffimport von 2016 bis 2018 auf zuletzt rund 870.000 t.

Schädliche Dämpfe

Die Folgen sind in Kleinstädten wie Jenjarom zu sehen, nicht weit von der Hauptstadt Kuala Lumpur. Dort schossen zahlreiche kunststoffverarbeitende Betriebe aus dem Boden und setzten rund um die Uhr schädliche Dämpfe frei. Weil die Firmen die anschwellende Plastikmüllflut nicht schnell genug verarbeiten konnten, wuchsen gigantische Abfallberge. Sie bestanden aus Lebensmittel- oder Waschmittelverpackungen aus Ländern wie Deutschland und Brasilien.

Einwohnern von Jenjarom fiel bald der säuerliche Gestank auf, der über der Stadt lag. Er entsteht bei der Kunststoffverarbeitung, stammt nach Ansicht von Umweltschützern aber teilweise auch aus der Verbrennung jenes Plastikmülls, der sich nicht zum Recycling eignet. "Menschen wurden durch giftige Rauchschwaden belästigt, die sie mitten in der Nacht aufweckten", berichtet der 47-jährige Anwohner Pua Lay Peng der Nachrichtenagentur AFP. "Ich selbst konnte nicht schlafen, nicht zur Ruhe kommen. Ich fühlte mich ständig erschöpft."

Mitte vergangenen Jahres begannen Pua und andere Einwohner daher zu recherchieren und stießen auf mehr als 40 mutmaßliche Fabriken, von denen viele anscheinend heimlich und ohne Genehmigungen arbeiteten. Nach hartnäckigen Protesten wurde die malaysische Regierung aktiv, schloss illegale Betriebe und setzte die Plastikimporte zeitweise aus. In Jenjarom gibt es heute 33 Fabriken weniger. Aktivisten vermuten allerdings, dass viele klammheimlich in andere Orte in Malaysia verlegt wurden. Einwohnern zufolge hat sich die Luftqualität in der Stadt gebessert, auch wenn einige Plastikmüllhalden noch existieren.

Neue Ziele sind Indonesien und die Türkei

Tatsächlich reagierten die von den Auswirkungen des chinesischen Importstopps am stärksten betroffenen südostasiatischen Länder wie Malaysia, Vietnam und Thailand. Während Entsorgungsunternehmen im Westen mit steigenden Preisen kämpften, begrenzten sie die Einfuhr von Kunststoffen. Analysen der Umweltschutzorganisation Greenpeace zufolge gehen die Importe längst in andere Länder mit weniger strikten Vorschriften, etwa nach Indonesien oder in die Türkei.

Einem Bericht von Greenpeace und der Organisation Global Alliance for Incinerator Alternatives zufolge schrumpften die Plastikeinfuhren auf das chinesische Festland parallel dazu innerhalb von zwei Jahren dramatisch. Viele ehemals florierende Kunststofffabriken schlossen, ganze Orte verwaisten. Waren es 2016 noch 600.000 t pro Monat, beliefen sich die Monatsimporte im vergangenen Jahr auf nur noch 30.000 t.

Die Effekte des chinesischen Einfuhrstopps allerdings zeigen, dass sich das Problem nur verlagert. Beseitigen lässt es sich so nicht. Notwendig wäre laut Aktivisten, den Kunststoffverbrauch insgesamt zu senken. "Die einzige Lösung für die Umweltverschmutzung durch Plastik ist, weniger davon herzustellen", betont Greenpeace-Expertin Kate Lin.

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